Diese unverwüstliche Neugier auf die Welt

Bloggerin: Daniela


Noch im Frühling dieses Jahres gingen Monika und ich spazieren. Im Restaurant Ziegelhütte in Schwamendingen nahmen wir ein Mittagessen mit kleinen Köstlichkeiten zu uns. Es waren ausgesuchte, kleine Köstlichkeiten, eigenwillig kombiniert. Monika pickte in einem Restaurant nie das Erstbeste von der Menükarte. Dazu war sie viel zu sehr Geniesserin.

Beim Essen plauderten wir, so gut es eben ging – ich schwerhörig, sie beim Sprechen eingeschränkt nach einer schweren Operation. Später gingen wir den Hügel hinunter, sie im Rollstuhl. Unten grinsten wir einander verschwörerisch zu. «Das ging doch ganz gut», sagte sie. Ich nickte und drückte ihren Arm, etwas zu fest vielleicht. Ich spürte, wie fragil sie war.

Wir gingen zu ihr nach Hause, und sie zeigte mir Ausschnitte aus dem Film «Der Blick des Odysseus» von Theo Angelopoulos aus dem Jahr 1995. In unendlich langen Einstellungen gleitet da ein Schiff mit einer riesigen, gestürzten Lenin-Staute aus einem Schwarzmeer-Hafen. Wenn ich an Monika denke, fallen mir jetzt immer auch diese wunderschönen, melancholischen  Bilder über das Ende der Sowjetunion ein. Es war unser letztes Treffen zu zweit.

Monika hat die Sowjetunion bereist, als es sie noch gab. Reisen und Kunst, das war ihr Ding. Ihre Neugier auf die Welt war unverwüstlich. Noch 2014 besuchte sie Äthiopien. Ich verwarf die Hände über ein solches Wagnis in ihrem Zustand – ihre Multiple Sklerose schränkte sie schon damals stark ein. Aber sie hörte nicht auf mich. Aus Addis Abeba schickte sie mir eine Karte mit einem Bild von Lucy, dem ältesten menschenähnlichen Skelett der Welt, 3,2 Millionen Jahre alt. Es hängt bei mir über dem Bett und erinnert mich täglich daran, dass man sich von einer Behinderung nicht ins Bockshorn jagen lassen sollte.

Auch von ihren Reisen nach Norwegen und Bologna, Italien  brachte sie Fotografien nach Hause. Diese machte sie im Foto-Shop zu Kunst, überlagerte Süden und Norden, schuf geheimnisvolle Landschaften, die Stadt und das Meer. Sie war schon lange Künstlerin, als ich sie 2012 an einem Weekend von avanti donne im Thurgau kennenlernte. Die Bilder aus Bologna und Norwegen waren die ersten, die ich von ihr sah. «Kunst», hat sie einmal gesagt, «ist mein Beitrag für die Welt. Ich will Schönheit in die Welt hineinbringen.»
 


Als die Arbeit im Atelier immer schwieriger für sie wurde, kultivierte sie ihr Interesse am Film. Sie begann, Filmwissenschaften an der Uni zu studieren – und statt einer Seminararbeit schuf sie eine Ausstellung: Bilder mit Stummfilm-Motiven in leuchtenden Farben, von Buster Keaton und seiner Filmpartnerin Phyllis Haver. Die Vernissage im Seminar für Filmwissenschaft in Zürich Oerlikon war Ende 2017. Es war ihre letzte.
 



Noch im Oktober dieses Jahres besuchte ich sie in der Reha in Valens. Mittlerweile musste ich meinen Mann mitnehmen, um mit ihr zu sprechen. Ich verstand sie nicht mehr. Aber wir waren guter Dinge, besuchten die Viehschau im Dorf. Sie rollte so nahe heran wie möglich. Nie hätte ich geahnt, wie schlecht es um sie stand. Schon am 16. November startete sie auf ihre letzte Reise. Sie war 61.

Monika, machs gut und danke für alles!  Deine Bilder bleiben uns, als Trost, als Mahnung, als kleines Glück.
 
08. Dezember 2018 Leute 2
Kommentar
Ursi Obermayr
Hoi Daniela
Was für ein wunderschöner Nachruf - danke!
24.05.2019 19:04:38

Dominique Mani
Sehr schöner Nachruf, liebe Daniela! Es zeigt uns einmal mehr: Das Leben ist da, um gelebt zu werden!
10.12.2018 22:34:49

 
 
 
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